Soldaten, die zu Bikern werden

Quelle: ntv

Sie haben ihre Uniformen mit Kutten getauscht: In Berlin haben ehemalige Soldaten einen Motorradclub gegründet. Rocker wollen sie aber keine sein. Ihnen geht es eher um die Wertschätzung gefallener Soldaten und Veteranen.

Wenn sich Ralf Bartzsch zwischen seiner Passion fürs Motorrad oder fürs Militär entscheiden muss, wird er kurz nachdenklich. „Aus heutiger Sicht Motorrad, das ist meditativ“, sagt er nach ein paar Sekunden. „Aber mit 18 damals war es das Militär.“ Bartzsch hat seine Leidenschaften unter einen Hut gebracht. Er hat einen „Military Motorcycle Club“ in Berlin gegründet – eine Bikergang aus aktiven und ehemaligen Soldaten. Die „Recondo Vets“ mit ihren rund 30 Mitgliedern feiern dieses Jahr ihr zehnjähriges Bestehen.

Der 63-Jährige sitzt auf einem Barhocker im Klubhaus, eine düstere, verrauchte Kellerstube im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Die Deko ist martialisch. Die Decke ist mit Tarnnetz geschmückt, an der Wand hängen Plastikgewehre, Militärhelme und Einsatzfotos. Bartzsch lehnt an der Theke und trinkt Kaffee aus einem Metallbecher. Den Bikern geht es um Kameradschaftspflege. Beitreten kann jeder, der Motorrad fährt und Soldat war oder ist, egal ob bei der Bundeswehr oder einer anderen Armee.

Bartzschs Spitzname "Muerte" kommt aus seiner Zeit bei der US-Militärpolizei. (Foto: picture alliance / Gregor Fische)

„Rocker“ wollen die „Recondo Vets“ nicht genannt werden, auch wenn sie so aussehen. Die Szene werde ganz falsch dargestellt, findet Bartzsch. 99 Prozent seien „liebe Papis und Mamis, die nur gerne Motorrad fahren“. Gefragt nach kriminellen Strukturen im Rockermilieu wiegelt er ab. Bartzsch spricht von seinem Verein als Bruderschaft. Auf seiner schwarzen Kutte steht „Muerte“. Der Spitzname kommt aus seiner Zeit bei der Armee. Bartzsch ist Deutschamerikaner und war früher bei der US-Militärpolizei. In den 80ern war er dann Militärberater für eine private Firma in Trainingscamps in Lateinamerika. Er habe Leute sterben sehen, sagt er. Heute ist er selbstständig, trainiert Kampfkunst. Es sei schwer für Veteranen, wieder in den Alltag zu finden.

In Deutschland gibt es fast 200.000 Veteranen

Auf der eigenen Homepage beschreibt sich sein Verein als „unpolitischer Motorradclub“. Dabei ist das Anliegen der „Recondo Vets“ hochpolitisch. Den Bikern geht es um die Wertschätzung gefallener Soldaten und um die Anerkennung von Veteranen in Deutschland. „Wenn junge Menschen aus dem Einsatz zurückkommen, haben sie kein Auffangbecken“, klagt Bartzsch.

Einmal im Jahr rollen sie im Frühjahr auf ihren knatternden Maschinen durch Berlin. Hunderte Biker aus mehreren Ländern beteiligen sich am „Memorial Run“. „Die Schotten kommen nächstes Jahr rüber, auch die Amis haben zugesagt“, berichtet Bartzsch. Nach der Gedenkfahrt salutieren sie am Ehrendenkmal der Bundeswehr am Verteidigungsministerium und legen Kränze nieder. „Wir müssen was für die tun, die nicht mehr können“, sagt Bartzsch. Dann schwärmt er von den USA, wo Veteranen kostenlos Parkplätze und Burger bekämen. In Deutschland gelte Militär hingegen als böse.

Hunderte Biker aus mehreren Ländern nehmen an dem alljährlichen "Memorial Run" teil. (Foto: picture alliance / Gregor Fische)

In Deutschland gibt es knapp unter 200.000 Veteranen, schätzt der Bund Deutscher Einsatzveteranen. Der Verband beklagt ebenfalls die mangelnde Versorgung und Wertschätzung für ehemalige Soldaten. Thomas de Maizière von der CDU hatte 2012 als Verteidigungsminister die Einführung eines Veteranentags vorgeschlagen. Er stieß auf Skepsis, daraus geworden ist nichts.

„Wir wollen in die Mitte der Gesellschaft“

„Bei Wertschätzung und Anerkennung ist nichts passiert“, kritisiert der stellvertretende Verbandschef Bernhard Drescher. Dabei sei der Staat zur Fürsorge verpflichtet. Die Bundeswehr sei sich ihrer Verantwortung gegenüber ihren aktiven und ehemaligen Angehörigen sehr bewusst, heißt es hingegen aus dem Verteidigungsministerium. Und berichtet von großen Anstrengungen der vergangenen Jahre, die Versorgung und Betreuung von Einsatzgeschädigten zu verbessern. Jedes Engagement für die Anerkennung der Leistungen und das Gedenken an im Einsatz verstorbene oder gefallene Soldaten sei ehrenwert und verdiene Respekt.

Obwohl sich der Bund Deutscher Veteranen wie der Bikerclub dieses Engagement auf die Fahnen geschrieben haben, wollen die Verbandsleute nichts mit den Motorradfahrern zu tun haben. „Wir legen nicht mit großem Getöse einmal im Jahr einen Kranz nieder, sondern wir betreuen 500 Familien“, sagt Drescher. „Wir wollen in die Mitte der Gesellschaft. Wenn der normale Betrachter denkt, wir sind Rocker, stellen wir uns wieder an den Rand der Gesellschaft.“

Quelle: ntv.de, Nico Pointner, dpa